Anti-Coronavirus-Apps: Die Chancen und Risiken der Kontaktverfolgung

08-05-2020

Autor: Jan Tissler

Kann uns Technologie aus der Pandemie-Starre heraushelfen? Eine automatisierte Kontaktverfolgung wird zumindest als ein Werkzeug dafür angesehen. In diesem Artikel erklären wir die Kritik an der Idee und wo die Grenzen der eingesetzten Technik liegen.

Smartphone-Apps sollen ein Weg aus der Covid-19-Krise sein. Die Idee: Sie informieren automatisch, falls man mit einem Infizierten in Kontakt war und nun ebenfalls das Virus in sich tragen könnte. Die Betroffenen würden sich daraufhin in Quarantäne begeben, um die Krankheit nicht weiter zu verbreiten, und sich testen lassen. Das ist als Kontaktverfolgung (Contact Tracing) bekannt.

Würde dieses System funktionieren, könnten einige der aktuell notwendigen Einschränkungen gelockert werden. Allerdings gibt es auch allerhand Kritik an diesem Vorhaben und Fachleute warnen vor zu viel Optimismus.

1. Datenschutzbedenken

Die EU hat mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bekanntlich gerade erst strenge Regeln geschaffen. Sensible Informationen wie Gesundheitsdaten werden darin besonders geschützt. Eine digitale Kontaktverfolgung muss deshalb den Spagat schaffen, einerseits so zuverlässig wie möglich zu sein (siehe unten) als auch die Privatsphäre der Nutzer zu wahren. Denn natürlich liesse sich ein solches System für andere Zwecke missbrauchen, wie wir ebenfalls noch besprechen werden.

Die US-amerikanischen Unternehmen Apple und Google haben eine Lösung angekündigt, die dem Rechnung trägt. Wie sie funktioniert, lässt sich in diesem Twitter-Thread gut nachlesen. Wichtig ist hier, dass nicht etwa Nutzernamen oder andere persönlich identifizierbare Informationen verarbeitet werden. Stattdessen setzt es auf regelmässig neu generierte Schlüssel. Und nur im Fall einer gemeldeten Infektion kommt ein zentraler Server zum Einsatz. Ansonsten läuft es dezentral, direkt auf den Geräten der Nutzer. Zudem werden keine Standortdaten erfasst.

Apple und Google stellen hier übrigens lediglich die technische Grundlage zur Verfügung. Offizielle Institutionen wie Gesundheitsbehörden entwickeln dann Apps, die darauf aufbauen. Die beiden Tech-Riesen selbst bekommen die Daten also nicht.

Manche Länder wie Deutschland und Frankreich wollten ursprünglich eine zentralisierte Lösung. Offizielle Begründung war, dass sich die Informationen dann für weiteren Erkenntnisgewinn rund um das Coronavirus und dessen Ausbreitung nutzen liessen. Zumindest Deutschland hat sich nun auch für eine dezentrale Lösung ausgesprochen, wie zuvor bereits die Schweiz und Österreich.

Mehr zum Thema Datenschutz gibt es in diesem Artikel bei netzpolitik.org.

2. Technische Unzulänglichkeiten

Eine Kritik an dieser Form der Kontaktverfolgung sind technische Limitierungen. So ist die Entfernungsmessung via Bluetooth Low Energy alles andere als exakt, da Software, Hardware und Nutzung die Signalstärke beeinflussen und damit das Ergebnis verfälschen. Das Projekt «DP3T» der ETH Zürich und der EPFL Lausanne arbeitet daran, dieses Problem zu verringern, in dem weitere Faktoren miteinbezogen werden.

Da zudem eben nicht abgeglichen wird, wo sich die Geräte befinden, können andere Faktoren zu Fehlalarmen führen: Beispielsweise, wenn eine nun erkrankte Person lediglich in der Wohnung nebenan war.

3. Freiwilligkeit

Apple und Google setzen auf freiwillige Nutzung. Nur dann darf ihre Lösung eingesetzt werden. Fachleute schätzen zugleich, dass mindestens 60 Prozent der Bevölkerung aktiv teilnehmen müssen, damit diese Apps tatsächlich hilfreich sind. Und diese Zahl mit Freiwilligkeit zu erreichen, dürfte schwierig werden. In Singapur konnte eine solche Anwendung zwischen dem 20. März und dem 1. April zum Beispiel nur 20 Prozent der Bevölkerung erreichen. Eine ähnliche App in Österreich wird bislang gar von nur 5 Prozent genutzt.

Der Begriff der Freiwilligkeit ist bei alldem allerdings dehnbar und Druck könnte auch indirekt ausgeübt werden. Dann hätten nur Nutzer der App bestimmte Vorteile wie Zutritt zu Gebäuden.

4. Möglicher Missbrauch

Datenschützer warnen davor, dass ein solches Kontaktverfolgungssystem in Zukunft ebenso für andere Zwecke genutzt (und missbraucht) werden könnte. Schliesslich wüssten auch Polizei, Geheimdienste und Militär sehr gern, wer mit wem Kontakt hatte und wie lange. Gute Begründungen wie die Verbrechensbekämpfung im Allgemeinen oder die Terrorismusabwehr im Besonderen finden sich immer. Ist das erst einmal eingeführt, lassen sich damit ebenso andere Bevölkerungsgruppen überwachen, bis hin zu politischen Gegnern. Edward Snowdens Enthüllungen haben eindrücklich gezeigt, wie schnell ein Überwachungsstaat entstehen kann.

Schlusswort

Wie eingangs erwähnt, können solche «Anti-Pandemie-Apps» nur eine Massnahme unter mehreren sein. Es müssen zudem Virus- und Antikörpertests in hohem Mass bereitstehen, denn ohne Tests gibt es keine Warnungen. Ein von der Wissenschaft noch nicht aufgeklärtes Problem sind darüber hinaus Coronavirus-Infizierte, die keine oder nur sehr geringe Symptome zeigen, aber zugleich andere Menschen anstecken. Werden die nie diagnostiziert, fallen auch sie in der App durchs Raster.

Andere Massnahmen wie «Social Distancing» und Maskenpflicht werden deshalb durch diese Apps nicht überflüssig. Im Gegenteil: Nur wenn die Verbreitung des Virus verlangsamt ist, kann ein solches Warnsystem überhaupt einen sinnvollen Beitrag leisten. Auch deshalb ist beispielsweise der Schweizer Bundesrat weiterhin vorsichtig und wird die derzeitigen Einschränkungen nur schrittweise lockern.

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